Die Rohrweihe ist ein faszinierender und mittelgroßer Vertreter aus der Familie der Habichtartigen, der eng an feuchte Lebensräume gebunden ist. Sie gehört zur Gattung der Weihen und zeichnet sich durch ihren charakteristischen, gaukelnden und flachen Suchflug über weite, offene Landschaften aus. Als typischer Charaktervogel ausgedehnter Röhrichtbestände spielt die Rohrweihe eine wichtige Rolle in den Ökosystemen von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten Mitteleuropas und darüber hinaus.
Erscheinungsbild und Geschlechtsunterschiede
Die Rohrweihe ist ein schlanker, knapp bussardgroßer Greifvogel mit einer Flügelspannweite von bis zu 130 Zentimetern. Bei dieser Art sind die Geschlechter in ihrer Gefiederfärbung deutlich unterschiedlich (Sexualdimorphismus), was ihre Bestimmung erleichtert.
Das Männchen (Terzel) ist insgesamt heller und variabler gefärbt. Seine Grundfärbung ist ein mittleres Rostbraun. Die Flügel sind dreifarbig mit einem grauen Hauptbereich, schwarzen Flügelspitzen und einem braunen Rücken. Der Schwanz (Stoß) ist lang und silbergrau, und der Kopf sowie die Brust sind hellgrau bis gelblich-weiß. Im Flugbild sind die breiten grauen Flügelbinden gut zu erkennen.
Das Weibchen hingegen ist durchgängig einfarbig dunkelbraun bis schokoladenbraun. Auffallend ist ihr heller, oft cremeweiß bis hellgelb gefärbter Kopf, Nacken und Kehle, wodurch sie einen „hellen Scheitel“ zu tragen scheint. Ein dunkler Strich verläuft vom Auge zum Hinterkopf. Weibchen sind in der Regel auch größer und schwerer als die Männchen.
Beide Geschlechter halten die Flügel beim Segeln und Gleiten typischerweise V-förmig nach oben, ein Merkmal, das alle Weihen teilen.
Lebensraum und Verbreitung
Als Brutvogel ist die Rohrweihe von Westeuropa und Nordwestafrika bis nach Zentralsibirien verbreitet. Sie bevorzugt offene Landschaften des Tieflandes und meidet gebirgige oder dicht bewaldete Regionen. Ihr spezifischer Lebensraumanspruch ist ein dichter und hoher Röhrichtbestand in den Verlandungszonen von Seen, Teichen und langsam fließenden Flüssen. Diesem Lebensraum verdankt sie ihren Namen.
Interessanterweise weicht die Rohrweihe zunehmend auch auf Agrarflächen aus und brütet in Getreidefeldern. Dies birgt jedoch eine hohe Gefährdung für die Brut, da die Jungvögel oft erst Ende Juli flügge werden und durch die Erntearbeiten bedroht sind.
Zugverhalten
Die Rohrweihe ist überwiegend ein Kurz- und Langstreckenzieher. Der Hauptteil der Population, insbesondere die Vögel aus Nord- und Mitteleuropa, verbringt den Winter südlich der Sahara in Afrika oder auf dem indischen Subkontinent. Der Frühjahrszug beginnt im März, und die Vögel kehren bis Mai in ihre Brutgebiete zurück. Der Herbstzug startet im August und endet im Oktober.
Jedoch zeigt sich in einigen westlichen Regionen Europas, darunter Teile Deutschlands, eine Tendenz zu vermehrten Überwinterungen, wodurch die Art nicht mehr überall als reiner Zugvogel betrachtet werden kann.
Jagd und Nahrungsspektrum
Die Jagdweise der Rohrweihe ist charakteristisch: Sie sucht im langsamen, gaukelnden Flug in geringer Höhe und mit vielen Schleifen ausgedehnte Schilfgebiete und angrenzendes Kulturland ab. Dabei hält sie Ausschau nach Beute am Boden und nutzt dabei geschickt alle Gelände- und Vegetationsstrukturen, um ihre Opfer zu überraschen.
Ihr Nahrungsspektrum ist vielseitig. Sie ernährt sich hauptsächlich von kleinen Vögeln, Nestlingen, Küken und Eiern anderer Wasservögel. Daneben stehen kleine Säugetiere (wie Nagetiere), Amphibien (insbesondere Frösche), Fische, Großinsekten und gelegentlich auch Aas auf dem Speiseplan. Während der Brutzeit konzentriert sich die Rohrweihe stark auf junge Wasservögel.
Fortpflanzung
Die Brutzeit der Rohrweihe liegt zwischen April und Juni. Das balzende Männchen vollführt eindrucksvolle Schauflüge mit akrobatischen Sturzflügen und jauchzenden Rufen.
Rohrweihen sind Bodenbrüter. Sie bauen ihren Horst fast ausschließlich im dichten Röhricht oder, wie erwähnt, in hohen Getreidefeldern. Das Nest wird aus Schilf und anderen Pflanzenmaterialien errichtet. Ein typisches Vollgelege besteht aus vier bis fünf Eiern, wobei auch größere Gelege möglich sind. Die Brutdauer beträgt etwa 32 Tage, und die jungen Nesthocker bleiben ungefähr 35 Tage im Nest, bevor sie flügge werden. Die Jungen werden noch einige Zeit nach dem Verlassen des Nestes von den Eltern mit Nahrung versorgt.